Acht Minuten bis ans Eingemachte
Unterrichtsstoff praktisch umgesetzt
Die Waden brennen, die Lunge keucht. Längst hat die kleine rote Linie auf dem Monitor die blaue überflügelt. Thorsten gibt auf, beendet den Test. „Gut gemacht“, lobt Silke Schmitz den 19-jährigen angehenden Abiturienten.
Silke Schmitz ist Diplom-Sportwissenschaftlerin im Therapiezentrum „indigus“ in Löningen. Dort führt die Klasse 13 des Albertus-Magnus-Gymnasiums (AMG) Friesoythe den letzten Teil ihres Kurses „Sportbiologie und Trainingslehre“ durch. Zwei Jahre lang haben sich die Schülerinnen und Schüler mit Aufbau und Funktion von Organsystemen beschäftigt, mit Energiestoffwechsel, mit leistungsbestimmenden und leistunsgbegrenzenden Faktoren und mit der Frage der Trainierbarkeit und somit der Verbesserung der Leistung in bestimmten Sportarten.
Sie haben gelernt, dass Marathonläufer anders trainieren als Sprinter und dass jeder Sportler über kurz oder lang eine Sauerstoffschuld eingeht. Der Körper verbraucht mehr Energie, als ihm durch die Atemluftzugeführt werden kann, der Sauerstoffbedarf kann nicht mehr gedeckt werden. Der Körper gibt mehr Kohlendioxid (CO2) ab, als er Sauerstoff aufnimmt. CO2 ist auf dem Monitor die rote Linie, Sauerstoff die blaue. Kreuzen sich die beiden Linien, ist die sogenannte „anaerobe Schwelle“ erreicht. Dieser Punkt muss bekannt sein, wenn man einen effektiven Trainingsplan erstellen will. Das haben die Schüler in ihren Oberstufenkursen in den vergangenen zwei Jahren theoretisch erfahren.
Praktisch geht es Thorben Claaßen nach acht Minuten ans Eingemachte. Nun werden die Reserven angegriffen, die Waden brennen, die Muskeln werden „sauer“. „Ob jemand jetzt noch weiterläuft, ist dann auch eine Sache der Erfahrung und spielt sich nicht nur im Körper, sondern auch im Kopf ab“, erläutert Christian Schmitz, der betreuende Lehrer.
„Mehr als 20 Minuten schafft hier kaum jemand“, ergänzt Silke Schmitz. Sie muss es wissen, denn in Löningen absolvieren beispielsweise auch die Quakenbrücker Erstliga-Basketballer der Artland Dragons ihr Testprogramm. „Sportmedizinische Messverfahren zur Leistungsdiagnostik“ nennt sich das im Wissenschaftsdeutsch. „Der Test hier ist wesentlich präziser, als wenn wir bei uns an der Schule nur eine Pulsmessung durchführen“, erklärt Christian Schmitz.
Derweil wird das Laufband im Zwei-Minuten-Rhythmus schneller – und steiler. Thorben läuft den Berg hinauf. Die Schüler blicken interessiert auf den Monitor, auf dem auch Thorbens Pulsfrequenz steigt und steigt. Nach gut 16 Minuten wirft der 19-jährige, durchtrainierte Fußballer vom SV Hansa Friesoythe das Handtuch, will sich die Atemmaske vom Gesicht reißen. Doch das ist nicht erlaubt, noch nicht. Geprüft und getestet und schließlich ausgewertet wird nicht nur die Belastungs-, sondern auch die Regenerationsfähigekeit, also die Zeit, bis sich der Körper wieder von der Anstrengung erholt hat. Fünf Minuten lang wandert Thorben noch locker auf dem Laufband, dann ist er erlöst und wird mit viel Applaus unter die Dusche verabschiedet.
„Er hat sich sehr gut gehalten“, sagt Christian Schmitz. Er ist Sport- und Biologielehrer am AMG in Friesoythe und hat das fächerübergreifende Seminarfach vor zwei Jahren erstmals angeboten. Der Studienrat möchte einen solchen Kurs im kommenden Schuljahr wieder auf den Stundenplan heben. Die Resonanz bei den Schülern sei sehr gut gewesen.
„Man erfährt eine ganze Menge über sich selber“, freut sich auch Thorben, noch immer ein wenig keuchend. Diese Selbst-Erfahrung steht nun Volker Kinast, einem Sprinter (19), und Stephan Greten (18), Fußballtorwart beim VfB Oldenburg, bevor. Jetzt lehnt sich Thorben Claaßen zurück und betrachtet die blauen und roten Linien, die seine Mitschüler auf den Monitor zaubern.
Von Matthias Ellmann
© Münsterländische Tageszeitung, Ausgabe vom Dienstag, 09.03.10





